Ljusja Schachmurowa

 

Geboren 1934 im Schtetl Jampol, Oblast Kamjanez-Podilskyj, heute Oblast Chmelnizkij, Ukraine. Journalistin, lebte und arbeitete in Taschkent. Im Jahr 1994 folgte die Auswanderung nach Israel. Lebt in Be’er Scheva, hat zwei Kinder und vier Enkelkinder.

DIE ANGST, EIN JUDE ZU SEIN

(Auszug aus dem Buch „Die schwere Last der Erinnerung“)

Am 22. November 2004 veröffentlichte die israelische Gedenkstätte Yad Vashem auf ihrer Internetseite ihre erste Daten bank der Holocaustopfer. Diese Liste beinhaltet drei Millionen Namen. Das sind drei von insgesamt sechs Millionen Leben jüdischer Menschen, die in den Jahren der Katastrophe des europäischen Judentums ausgelöscht wurden. Eine unendlich lange Liste mit Namen von Menschen, deren Leben ein jähes Ende gesetzt wurde… Etwa hundert Einträge beinhalten Namen von Angehörigen und Verwandten meiner Eltern Moische und Inda Schteynberg. Der Mädchenname meiner Mutter ist Lussis, ihre Eltern hießen Josl-Echil und Schprinza Lussis. Zu Kriegsbeginn waren sie jeweils fünfundsechzig und vierundsechzig Jahre alt. Sie hatten vier Söhne und drei Töchter, die allesamt verheiratet waren und Kinder hatten. Ihre Ehegatten hatten auch Eltern, Geschwister, Cousins und Cousinen – es war eine riesengroße Familie, die in mehreren Ortschaften der Ukraine lebte.


…In meiner Erinnerung kehre ich immer wieder zu meiner Kindheit zurück. Das war eine Zeit, in der mir mein Heimatort wie eine Großstadt vorkam; eine Zeit, in der Schlaflieder nur auf Jiddisch gesungen wurden.

Unsere Familie lebte vor dem Krieg im Schtetl Jampol in der Ukraine. Meine Eltern hatten drei Töchter, die zu der Zeit sieben Jahre, drei Jahre und acht Monate alt waren. Jampol befand sich unweit der polnischen Grenze. Schon vor dem Ausbruch des Krieges sahen wir mit an, wie große Menschenmassen unsere Kleinstadt passierten. Das waren Juden, die aus dem besetzten Polen flohen.[1] In Jampol lebten mehrheitlich Juden sowie Ukrainer, außerdem waren dort sowjetische Truppen stationiert. Meine Eltern zogen kurz nach meiner Geburt aus Ljachowzy hierher. Als Uhrmacher hatte mein Vater in Jampol mehr Arbeit: alle Militärs hatten Armbanduhren, die gelegentlich kaputt gingen. Wir hatten ein hübsches großes Haus mit mehreren Zimmern, einer Veranda, schönen Möbeln und einem Baum mit großen grünen Blättern, der im Empfangszimmer aus einem Blumenkübel herausragte. Außerdem befand sich in diesem Zimmer der Arbeitsplatz meines Vaters. Sein Werktisch stand am Fenster zur Hauptstraße. Daneben war eine Tür – dadurch gelangten seine Kunden, die ihre Uhren reparieren lassen wollten, von der Straße direkt zu seinem Arbeitsplatz. Mein Vater verdiente ordentlich. Es fehlte uns an nichts und wir hatten ein gutes Leben.

Unsere gesicherte Existenz nahm ein jähes Ende, als der Krieg wie ein Orkan in unser wohlgeordnetes, behagliches Leben stürmte. Der Krieg trieb uns aus unseren Häusern und nahm uns alles, was wir besaßen. Er trieb uns quer durch das ganze riesige Land und zwang uns in die Flucht vor dem permanent drohenden Tod.


Es stimmt nicht, dass es eine von den Behörden organisierte Evakuierung gab, wie es später in den sowjetischen Zeitungen stand. Vielleicht war sie für Kommandanten, Politoffiziere, Kommunisten in leitenden Positionen und ihre Familien vorgesehen und sogar in Eile umgesetzt worden. Uns, gemeine jüdische Bürger, betrafen diese Maßnahmen nicht. Wir flohen gemeinsam mit Tausenden und Abertausenden einfachen Bürgern durch unzählige Straßen, genauer gesagt, durch unwegsames Gelände, vor diesem mörderischen Orkan, ohne Obdach und permanent von Todesangst getrieben.


Wahrscheinlich blieb deshalb diese Angst der ersten Wochen so prägnant in Erinnerung, weil sie aus einer Hoffnungslosigkeit, einer Ungewissheit entstammte. Niemand wusste, was man tun und wen man um Hilfe bitten sollte. Auf Anweisung der Behörden wurde mein Vater wenige Tage vor Kriegsbeginn an eine Eisenbahnstation im Ort beordert und dort als Ladearbeiter eingesetzt. Meine Mutter blieb alleine zurück, mit uns drei Kleinkindern. Wie im Wahn lief sie durch unser Haus und schrie händeringend:


„Moische, wo bist du? Was sollen wir tun?“


Plötzlich nahm sie einen Kissenbezug aus dem Schrank, stopfte wahllos Kinderkleider rein, nahm die Jüngste auf den Arm, die dreijährige Feyga an die Hand, rief mir zu: „Halt dich an mir fest!“, und lief mit uns auf die Straße. Dort wartete bereits ein Pferdewagen auf uns. Später fragte ich mich: Wann hatte meine Mutter es geschafft, unsere Flucht zu organisieren?


Meine Mutter warf unsere Sachen auf den Pferdewagen, setzte Feyga und mich rein, nahm die kleine Manja auf den Arm und wir fuhren los in Richtung Ljachowzy. Das war ein Nachbarort, zwanzig Kilometer von unserem Schtetl entfernt. Dort lebten die Eltern meiner Mutter und ihre Brüder samt Familien. Anscheinend dachte meine Mutter, diese Flucht würde eine Rettung mit sich bringen.


Als wir am vermeintlichen rettenden Ufer angekommen waren, war die Situation vor Ort dramatischer als in Jampol. Laute Bombeneinschläge und Schreie verängstigter Menschen waren deutlich zu hören. Trotzdem hatte man uns Kinder ins Bett gebracht. Die Erwachsenen aber blieben die ganze Nacht wach. Sie diskutierten, weinten und beteten…


Voller Sorge blickten wir auf die Straße, die mit zahlreichen Flüchtlingen überfüllt war. Die Menschen flohen vor einer zunehmend drohenden Gefahr, sie flohen Gott weiß wohin: in den Süden, in den Osten… Plötzlich schrie meine Mutter auf:


„Moische!“ Im nächsten Moment sahen wir in der menschlichen Lawine unseren Vater. Er war großgewachsen und schön. Mit einem Lächeln im Gesicht und einem Wickel in der Hand kam er auf uns zu. Immer noch lächelnd erzählte er uns, dass sich die Wehrmacht seiner Eisenbahnstation näherte. Angesichts der drohenden Einkreisungsgefahr waren alle vom Arbeitseinsatz freigestellt und nach Hause entlassen worden, um ihre Familien zu retten. Als mein Vater uns nicht zu Hause aufgefunden hatte, war er sich sicher, dass wir nach Ljachowzy aufgebrochen waren. Nichts fuhr dorthin, deshalb legte er die gesamte Strecke zu Fuß zurück. Er hatte ein in Eile gekochtes Huhn in ein Stofftuch eingewickelt. Wir umarmten uns, weinten und lachten – vor Glück und wegen des armen Huhns.


Meine Mutter war sich sicher, dass mein Vater auch diese eine wertvolle Kiste mitgenommen hatte. Unter der Treppe unseres Hauses in Jampol hatte er eine Kiste mit teuren Uhren vergraben – für schlechte Zeiten. Und als dieser schwarze Tag tatsächlich kam, hatte meine Mutter die Kiste vergessen. Mein Vater war sich wiederum sicher, meine Mutter hätte sie mitgenommen und sah unter Zeitdruck nicht nach. So hatten wir keine Klamotten, kein Geld und keine Wertsachen mehr. Dafür waren wir wieder mit unserem Vater vereint. Auf Bitten meiner Mutter rannte er zum Stadtkomitee, um einen Pferdewagen zu organisieren. Dort kannte man ihn, denn mein Vater kam aus Ljachowzy. Anstatt mit einem Pferdewagen kam er mit einem Kleinbus zurück. Er öffnete die Tür und sagte: „Steigt ein, es gibt genug Platz für alle!“ Aber mein Großvater wiederholte hartnäckig: „Fahrt los, wir können nicht mit. Oma Sima ist krank, ich muss sie pflegen.“ Wir konnten nicht mehr warten und sind losgefahren. Das war das letzte Mal, dass wir unsere Verwandten sahen. Erst zum Ende des Krieges erfuhren wir etwas über ihr Schicksal.


Kaum hatten wir Ljachowzy verlassen, nahm uns eine halbe Stunde nach Abfahrt irgendein wichtiger Mann den Wagen weg. Wahrscheinlich war das einer der Beamten, welche für die Durchführung der Evakuierung zuständig waren. Dass meinem Vater zuvor ein Wagen zur Verfügung gestellt worden war, war entweder ein Versehen oder seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Wir wurden in einen Pferdewagen umgesetzt. Darin saßen bereits ein alter blinder Mann mit einem weißen Bart und seine erwachsene Tochter. Sie lenkte den Wagen. Unseren kleinen Kissenbezug legten wir nun neben die anderen Sachen. Mein Vater nahm nun die Zügel in die Hand und wir fuhren los. Wir reihten uns in eine lange Kette von Wagen ein, die alle mit Kisten, Säcken, und Koffern vollgestellt waren. Kinder und Alte saßen in den Wagen, die Jungen gingen nebenher, um die Pferde nicht zu überlasten. Welche Richtung sollten wir ansteuern? Das wussten weder unsere Eltern noch irgendjemand aus dieser riesigen Menge flüchtender Menschen. Niemand wusste Bescheid über die aktuelle Lage. Niemand konnte vorhersehen, was uns erwartete. Nur eins war offensichtlich: wir mussten vor den Deutschen fliehen…


Es gab keine Orientierungshilfe, keine Aufklärung, keine Unterstützung, weder von der Regierung noch von den Behörden im Hinterland. Gab es überhaupt zu diesem Zeitpunkt funktionierende Behörden, die im Hinterland für die Versorgung und Unterstützung von Flüchtlingen zuständig waren? So waren wir ein Teil einer amorphen Menschenmasse, von Tausenden und Abertausenden fliehender Menschen, die am Anfang einer großen Katastrophe der Willkür des Schicksals ausgesetzt waren. Wir flohen und ließen alles hinter uns: die Sonne, das Dröhnen der Flugzeuge, die Bombeneinschläge, die uns als Knallwellen erreichten, und den schwarzen Rauch, der von Zeit zu Zeit wie eine dichte Wolke gen Himmel aufstieg. Wir fuhren durch Gelände, Wälder, Feldwege, wir fuhren im Kreis und kehrten oft dorthin zurück, wo wir vorher schon gewesen waren. Wir wurden verfolgt von Bombardements, wir versteckten uns unter den Bäumen, in Abgründen, in nicht geernteten Feldern und in Heuhaufen. Nach jedem Bombenangriff wurde die Menschenmenge kleiner. Eines Tages kehrte der alte Mann mit seiner Tochter nicht zu unserem Wagen zurück. Wir suchten sie und warteten, aber sie kamen nicht. Manchmal kamen wir in Dörfern an, die bereits von der Wehrmacht besetzt waren. Dann steckten uns teilnahmsvolle Ukrainerinnen Brot und Gurken zu, trieben uns fort und sagten auf Ukrainisch: „Zieht weiter, die Deutschen sind hier!“


Wir hatten große Angst. Das war eine jüdische Angst, die Angst, ein Jude zu sein. Eben diese Angst trieb uns auf unserem Leidensweg immer weiter an.


Wenige Meter vor unserem Wagen fuhr ein Laster, auf dem eine Mutter mit zwei Söhnen – etwa elf und dreizehn Jahre alt – saß. Dann wurde einer der Jungen durch einen Bombensplitter getötet. Wir hörten höllische Schreie, Gestöhne, Weinen, erschrockenes Pferdegewieher. Überall um uns herum sahen wir Menschen, die vor Angst fast wahnsinnig wurden… Nachdem die Bom ben verstummt waren, wurde der Junge im Wald beerdigt. Die erschöpfte Mutter und der Bruder wurden vom Grab zurück zum Wagen gebracht. Der Bruder des getöteten Jungen war gerade dabei, wieder auf den Wagen zu steigen. In diesem Moment kam der nächste Bombeneinschlag und tötete ihn. Während der nächsten Feuerpause wurde auch er beerdigt, im gleichen Wald, im gleichen Grab wie sein Bruder. Die vollkommen verstörte, versteinerte Mutter wurde wieder zum Wagen getragen.


Auf der Straße marschierten Soldaten, sie bewegten sich in die gleiche Richtung wie wir – gen Osten. Plötzlich übertönte ein unmenschlicher, alles durchdringender Schrei die laute Geräuschkulisse: „Jascha!..“ Die Mutter der getöteten Jungen hatte unter den Soldaten ihren Mann, den Vater ihrer kürzlich ermordeten Kinder, gesehen. Seine Armeeeinheit befand sich gerade auf dem Rückzug. Später sagte man, diese Frau sei ihrem Mann an die Front gefolgt. Aber die Soldaten marschierten in Richtung des Hinterlandes, weg von der Front. Vielleicht gingen sie am Ende doch gemeinsam in die Ewigkeit?


Es vergingen Monate und noch immer waren wir unterwegs. Ausgehungert, abgerissen, verängstigt und nissig flohen wir vor dem Tod, der uns auf Schritt und Tritt verfolgte. Drei Monate später kamen wir mit unserem Wagen in Tscherkassy an. Dieser Ort ist mir ein Leben lang in Erinnerung geblieben. In Tscherkassy sind wir durch die Hölle gegangen. Hier sollten wir den Dnjepr überqueren. Doch die letzte Brücke war kurz vor unserer Ankunft gesprengt worden. Die Bombenangriffe gingen unterdessen unaufhörlich weiter. Wir hatten den Eindruck, als käme ein Orkan des Todes auf uns zu, und es schien unmöglich, diesem zu entkommen. Wenn man die Möglichkeit hatte, nach oben zu schauen, sah man zwischen den Häuserruinen nur fallende Bomben. Wir versteckten uns wo und wie wir nur konnten. Wir liefen von einem Haus zum nächsten, von Baum zu Baum, um uns zu verstecken. Ich hatte Feyga an der Hand, meine Mutter den Säugling Manja im Arm, unser Vater bewachte wie immer die Pferde. Es ist für mich noch heute unbegreiflich, wie wir uns damals nicht verloren haben, wie wir überlebt haben und wie unser Vater uns wiederfand, als all das endlich vorbei war.


Wir mussten uns Stück für Stück zum Wald vorarbeiten. Dort gab es eine rettende Brücke, die nach abermaligem Bombenangriff von den Soldaten wiederaufgebaut wurde. Sie wurde mit leeren Fässern befestigt und war sehr instabil, wackelig und schmal. Selbst eine unwesentliche Schieflage würde einen Pferdewagen oder einen Laster mit Menschen in den kalten Fluss befördern. Doch wir hatten keine andere Möglichkeit, den Fluss zu überqueren. Es gab eine riesige Schlange vor der Brücke, bestehend aus Wagen, LKW und Menschen. Diese Menschenmenge wurde zu einer lebenden Zielscheibe für deutsche Kampfflugzeuge. Am Ende schaffte es mein Vater, unseren Wagen ans rettende Ufer zu bringen…


Auf unserer Flucht zogen wir endlose Kreise, passierten gefährliche Straßen und kamen mehrmals unerwartet in durch die Wehrmacht besetzten Dörfern an, wo uns mein Vater dank seines Einfallsreichtums wie durch ein Wunder wieder herausholte.


Nach viermonatiger Flucht kamen wir endlich mit unserem mehrfach reparierten und mittlerweile auseinanderfallenden Wagen in Woronesh an. Hier haben sich die Behörden zum ersten Mal um uns gekümmert. Für die Flüchtlinge wurden Züge zur Verfügung gestellt und wir konnten entweder in Richtung Norden oder nach Süden aufbrechen. Es wurde immer kälter und wir froren bitterlich, denn wir waren immer noch barfüßig und notdürftig bekleidet. Deshalb entschieden sich unsere Eltern für die südliche Richtung, für die warme zentralasiatische Region. So begann unsere „organisierte Evakuierung“. Der Zug aus Woronesh wurde für uns zu einer – zumindest zeitweisen – Rettung vor Kälte und Dreck. Unserer Familie wurde ein eigenes Abteil mit vier Holzbänken, die als Schlafplätze dienten, zur Verfügung gestellt. Nach dem Erlebten war das ein wahrer Luxus für uns.

Den Komfort in diesem Zug konnten wir jedoch nicht lange genießen. Diesen Zug haben Menschen gebraucht, die anscheinend wichtiger waren als wir, und so wurden wir in Viehwagen ohne Holzbänke versetzt. Nachts legten wir uns zum Schlafen auf den Boden. So unbequem wie dieser Viehwagen auch war, stellte er für uns die Fahrkarte ins friedliche Leben dar. Der Weg dorthin, in ein Leben ohne Bombeneinschläge, hat sich als lang und gefährlich herausgestellt. Wir wurden noch oft von einem Viehwagen in den nächsten versetzt, bis wir endlich „im Warmen“ ankamen.

Taschkent erschien uns wie eine Oase – sonnenreich und warm. Wir konnten es kaum erwarten, dort anzukommen. Kurz vor der Ankunft machten sich im Wagen allerdings Gerüchte breit: die Stadt sei überfüllt und nehme keine Flüchtlinge mehr auf. Die Nachricht, Taschkent würde uns möglicherweise nicht aufnehmen, schockierte viele und machte uns Angst. Viele weinten und alle zerbrachen sich den Kopf: soll man aussteigen oder doch bis Taschkent weiter fahren? Diese Entscheidung hat uns das Schicksal abgenommen: Feyga war schwer und gefährlich erkrankt, sie hatte hohes Fieber und Hautausschlag. Wir stiegen vorzeitig aus. Der Bahnhofsvorplatz war vollkommen überfüllt. Überall lagen Menschen, auf ausgebreiteten Decken, Tüchern oder direkt auf der staubigen, trockenen und rissigen Erde. Die Kinder schrien, weinten, liefen hin und her, verloren ihre Eltern aus dem Blick, alle waren hungrig und durstig.

Feyga wurde in ein Krankenhaus gebracht und blieb dort mit meiner Mutter. Mein Vater, Manja und ich kehrten zurück zum Bahnhofsvorplatz. Bei den Flüchtlingen waren nun viele Einheimische – Usbeken, Juden, Russen. Sie stellten Fragen, erkundigten sich nach den Neuigkeiten und suchten sich Untermieter aus. Wir wurden von einem älteren, rothaarigen Juden aufgenommen. Er unterhielt sich lange mit meinem Vater und nahm uns dann mit zu sich nach Hause. Er hatte einen langgestreckten Hof und ein Haus mit Terrasse, zu der gleich mehrere Türen führten. Hinter jeder Tür lagen Zimmer, die alle bereits von Familien bewohnt waren. Uns wurde ein Zimmer mit einem Bett zur Verfügung gestellt. Das Bett bezog uns die Frau des Hausherrn, eine nette, herzliche Frau. Sie machte uns etwas zu essen. Beim Essen schaute sie uns voller Mitleid an und wischte sich minutenweise die Tränen aus dem Gesicht.

Jeden Morgen gingen wir zum Krankenhaus, um meine Mutter und Feyga zu sehen. Wir erzählten uns gegenseitig, wie der Tag war und machten Pläne für die Zukunft. Unser rothaariger Gastgeber empfahl uns, aus Taschkent fortzugehen, weil die Stadt voll mit Flüchtlingen sei und es schwer fallen würde, eine Arbeit zu finden. Wahrscheinlich befürchtete er, dass wir, arme Leute ohne Geld und Besitz, länger bei ihm wohnen bleiben würden.

Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus trug mein Vater Feyga fast den gesamten Nachhauseweg in seinen Armen. Da fragte sie, ein dreijähriges Kind, das bereits so viel Leid erfahren hatte: „Wo bringst du mich jetzt hin, Papa? Wo ist unser Zuhause?“ Anstatt zu antworten, weinte meine Mutter nur und mein Vater umarmte seine besorgte Tochter so fest wie er nur konnte.

 


[1]Jampol ist eine Kleinstadt in der Oblast Kamjanez-Podilskyj, heutige Oblast Chmelnizkij, Ukraine. Im Jahr 1939 lebten dort 1.058 Juden. Diejenigen, denen es nach Kriegsbeginn nicht gelang zu fliehen, wurden zwischen Dezember 1941 und Juli 1942 ermordet (Anm. der Redaktion).