Viktor Kleyman

Geboren 1927 in Lissitschansk im Donezbecken, Ukraine. Den Großteil seiner Karriere arbeitete er in einem Planungsbüro. Wanderte im Jahr 1994 nach Israel aus. Lebt in Rischon LeZion, hat vier Enkelkinder.

DAS WAR DAS ENDE MEINER KINDHEIT

 

 

Kann man diese Flucht, auf die wir uns in diesen schrecklichen Tagen begeben hatten, als Evakuierung bezeichnen? Wir kannten doch nicht einmal dieses Wort, und die Menschen nannten uns einfach Flüchtlinge. Der Karte nach zu urteilen, betrug die Strecke, die wir zu Fuß zurücklegten, etwa fünfhundert Kilometer, aber wenn man all die Umwege und Irrwege mitberücksichtigt, waren es etwa sechshundert. Schon der Beginn dieses Fußmarschs versprach nichts Gutes, doch die größten Strapazen standen uns bevor…

An den ersten Kriegstag, den 22. Juni 1941, erinnere ich mich sehr gut. Einige Tage verbrachte ich bei Donja, meinem Onkel mütterlicherseits. Am Samstag, den 21. Juni, kehrten wir gemeinsam in meinen Heimatort Lussitscharsk zurück. Das waren unsichere Zeiten, und ich hatte mitgehört, wie Onkel Donja meinen Eltern leise berichtete, dass man in Charkiw nachts Panzerkrach hörte. Dann erzählte er im Vertrauen, dass er von einer Geheimrede Stalins erfahren hatte. Stalin sollte den Absolventen von Militärakademien mitgeteilt haben, dass es bald Krieg geben werde.

Mein Vater und ich. Lissitschansk, 1940.

Mein Vater, der regelmäßig die Zeitung „Iswestija“ las, fragte: „Ein Krieg mit England?“ – „Nein,“ sagte Donja, „mit Deutschland!“ Viele Jahre später las ich von dieser Rede in Viktor Suworows Buch „Der Eisbrecher“. Es stellte sich heraus, dass es diese Rede gegeben hatte, und zwar am 5. Mai 1941. Offensichtlich hatte man die Information über die Geheimrede absichtlich durchsickern lassen.[1]

Am nächsten Tag, den 22. Juni, besuchte ich mit Onkel Donja meine Tante Lisa. Dort schaltete er den Kurzwellenempfänger ein. Sofort hörten wir, wie jemand mit bellender Stimme auf Deutsch eine Ansprache hielt. Ich sah, wie Onkel Donja bleich wurde. Seine raspelkurzen roten Haare stiegen ihm zu Berge. Er sagte: „Es ist Hitler, der spricht. Es gibt Krieg.“ Noch am selben Tag fuhr Onkel Donja weg und wir sahen ihn nicht wieder. So begann der Krieg, der meiner Kindheit ein Ende setzte.

Die Frontlinie näherte sich schnell dem Donbas. Odessa war bereits abgeriegelt. Von dort kam Onkel Ljoka, der Cousin meines Vaters, samt Ehefrau und Tochter zu uns. Sie flohen von Odessa nach Kuibyschew (heutiges Samara) an der Wolga und legten bei uns einen kurzen Zwischenstopp ein.

An diesem Punkt stelle ich mir eine Frage, auf die ich keine Antwort finde: Warum schickte mein Vater mich und meine Mut ter nicht auch ins Hinterland, zusammen mit der Familie von Onkel Ljoka? Ich vermute, dass man dafür auf der Liste der zur organisierten Evakuierung berechtigten Personen stehen musste. Zur damaligen Zeit gab es in Lissitschansk jedoch keine organisierte Evakuierung und mein Vater war nie gut darin, Probleme durch eine Absprache auf einem kurzen Dienstweg zu lösen oder gar dunkle Geschäfte zu machen. Vielleicht konnte er aber auch nicht glauben, dass man die wirtschaftsstarke Donbas-Region der Wehrmacht überlassen würde. Man hatte uns ständig eingetrichtert, die Kohle sei „das Brot für unsere Industrie“.

Am 1. September 1941 ging ich wieder zur Schule, ich kam in die siebte Klasse. Plötzlich wurde der Unterricht eingestellt: wir erfuhren, dass die Eisenbahnverbindung Lissitschansks zur Außenwelt unterbrochen und die Deutschen schon im Anmarsch waren. Im Betrieb meines Vaters wurde verkündet, die Belegschaft müsse fliehen, und zwar… zu Fuß! Bis zur nächsten funktionierenden Eisenbahnstation musste man fünfzig Kilometer zu Fuß zurücklegen. Von einer organisierten Evakuierung von Familien konnte gar nicht die Rede sein. So ist mein Vater zum ersten Mal evakuiert worden, und meine Mutter und ich blieben zu Hause.

Unterbewusst verstand ich schon damals, dass meine Mutter und ich möglicherweise mit den letzten Einheiten der Rotarmisten (das Wort „Soldaten“ war damals nicht verbreitet) über den Fluss Siwerskyj Donez hätten fliehen können. Zwei Fragen beschäftigten mich: Wie werde ich als Nichtschwimmer den Fluss passieren, wenn die Brücke gesprengt werden sollte? Und: Was sollen wir auf der Flucht essen? Was die Flussüberquerung anging, verließ ich mich auf den Zufall, aber über die Verpflegung machte ich mir Sorgen. Ohne Wissen meiner Mutter packte ich in einen selbstgenähten Rucksack Trockenbrot und geräucherte Ente ein. Wenig später hatte meine Mutter mein „Versteck“ entdeckt. Erst lachte sie, dann fing sie an zu weinen…

Katjuschas[2] traten in Lissitschansk etwa zur Zeit der Gegenoffensive bei Moskau in Erscheinung. Man kann sagen, dass beide Städte mit diesem Raketenwerfer verteidigt wurden. Die Katjuschas haben mein Leben gerettet, denn nach ihrem Einsatz zog sich die Wehrmacht aus Lissitschansk zurück und setzte sich fünfundzwanzig Kilometer vor der Stadt, hinter dem Eisenbahndamm fest.

Mein Vater kehrte zurück und machte sich wieder an die Arbeit. Die Minen wurden wieder in Stand gesetzt und einige Abteilungen der Reparaturanlage für Bergbaugeräte nahmen ihre Arbeit wieder auf. Ich war dabei, meine Prüfungen abzulegen. Wir bepflanzten unseren Gemüsegarten wieder. Alles in unserem Leben schien zur Normalität zurückzukehren.

Und dann, wie aus heiterem Himmel, wurde meinem Vater mitgeteilt, dass die Betriebsvereinigung „Lissitschanskugol“ einen dringenden Befehl erhalten habe, eine Sonderarbeitseinheit zusammenzustellen, die bei der Errichtung von Befestigungsanlagen, beziehungsweise Schützengräben, eingesetzt werden sollte. Meinem Vater wurde die Stelle als Finanzdirektor – eigentlich Buchhalter – zugewiesen. Es wurde befohlen, sofort zum Dorf Nowoastrakhanskoje aufzubrechen. Das Dorf war etwa fünfzig Kilometer nordöstlich von Lissitschansk entfernt, hinter dem Fluss Siwerskyj Donez. Also fuhr mein Vater nicht an die Front, sondern weg von der Front! Inzwischen hatte ich meine Prüfungen bestanden, erhielt ein Zeugnis über die nicht vollständige Mittelschulbildung und wollte von zu Hause ausziehen, um in einer Kolchose zu arbeiten. Aber durch die Bemühungen meines Vaters durfte ich als Freiwilliger mit ihm mitkommen und so wie er Schützengräben ausheben. Meine Mutter blieb alleine zu Hause zurück.

Und wieder beschäftigt mich eine Frage, auf die ich keine Antwort weiß: Hätte mein Vater auch meine Mutter mit zu diesen „Sonderarbeiten“ mitnehmen können? Möglicherweise ging das nicht. Und wie konnte man unser Haus, das mit so viel Mühe gebaut worden war, ohne Aufsicht zurücklassen? Außerdem war es nicht klar, wo es sicherer war – zu Hause oder bei den Schützengräben. Denn zu Hause gab es keine Anzeichen dafür, dass sich die Situation verschlechterte: man fing sogar an, das Wasser aus den zuvor gefluteten Minen wieder abzupumpen.

Die von uns errichteten Schützengräben stellten Panzergräben von beachtlicher Länge dar. Sie wurden mithilfe von Schaufeln und selbstgebauten Tragen ausgehoben. Es gab keine richtigen Schützengräben für die Infanterie: es existierten weder Betonbunker noch Befestigungsanlagen aus Holz oder Metall. Vermutlich gab es einen Plan dahinter, aber er ist mir unklar geblieben. Ich weiß nicht, welche Funktion diese Gräben erfüllten: die Wehrmacht konnte sie umgehen; die sowjetischen Panzer und Versorgungstrupps hatten hingegen große Mühe, die Gräben zu überwinden, als sie eilig den Rückzug antreten mussten. Dabei haben unzählige Menschen dort gearbeitet!

Nach einiger Zeit hatte mein Vater die Leitung der Sonderarbeitseinheit überredet, mich kurz nach Hause fahren zu lassen, um meine Kleidung zu wechseln und meine Mutter zu sehen. So brach ich am 30. Mai 1942 nach Lissitschansk auf. Ich blieb nur etwa zwei Stunden zu Hause, dann brachte mich meine Mutter zu einem kleinen Park gegenüber von der Betriebsvereinigung, wo ein Bus auf mich wartete, um mich zurück zu fahren. Der Bus kam, ich verabschiedete mich von meiner Mutter und drängte mich in den überfüllten Bus hinein. Ich blickte zurück. Meine Mutter weinte… Ich sah sie nie wieder. Lissitschansk wurde am 10. Juni von der Wehrmacht eingenommen…

Mein Vater arbeitete tüchtig. Er fertigte die Gehaltsabrechnungen für die Trudarmisten[3] (so nannte man uns im Volksmund) an. Panzer, Kriegsgerät und Versorgungstrupps fuhren bereits in östliche Richtung durch das Dorf. Eines Tages hörte ich meinen Vater brummen: „So führen wir also Krieg, die Technik als Erstes zurückgezogen.“

Plötzlich informierte man uns, dass wir Marschverpflegung und Geld erhalten würden und zu Fuß abziehen müssten. Der Bestimmungsort sei die Eisenbahnstation Morosowsk im Gebiet Rostow am Don, zweihundert Kilometer von Stalingrad entfernt… Auf der Straße bewegte sich ein dichter Strom von Menschen auf dem Rückzug. Darunter waren verletzte Rotarmisten und Zivilisten, die mit ihrem Vieh ins Hinterland flohen. Mit Droschken und Kutschen brausten Kommandanten davon, einige wurden begleitet von Frauen. Damals habe ich auch zum ersten Mal den ironischen Begriff „Mobile Feldfrau“ gehört…

Unsere Kolonne mischte sich in die Menschenmenge und ging darin auf. Es wurde dunkel. Nach diesem Marathon am Tag war ich sehr müde und schlief fast ein. Um meine Fortbewegung ein wenig zu erleichtern, bat mein Vater einen der Kutscher, mich zumindest kurz mitzunehmen. Er bekam eine Absage – auf dem Wagen sei kein Platz – aber man erlaubte es uns gnädig, uns am Wagen festhalten.

Offensichtlich war die Straße kurz zuvor stark bombardiert worden: am Straßenrand lagen Leichen, die meisten in Uniform, und tote Pferde… Der Kutscher trieb seine ermüdeten Pferde an und ließ dabei seine Peitsche fallen. Unser Wohltäter bat meinen Vater darum, die Peitsche zu finden, mein Vater blieb zurück und ich verlor ihn in der Dunkelheit aus dem Blick… Was sollte ich tun? Den rettenden Pferdewagen zurücklassen und mich auf die Suche nach meinem Vater machen oder meinen schlafwandlerischen Marsch fortsetzen? Zu all dem Elend kam hinzu, dass ich überhaupt nichts sehen konnte: es war eine finstere Nacht. Mein Mund war trocken und vor Sorge blieb mir die Puste weg – so konnte ich nur ein paar Mal einen unsicheren, leisen Ton von mir geben: „Papa!“ Aber meine Stimme verlor sich im Gestampfe unzähliger Füße und im Rattern der Räder. Ich traute mich nicht, aus vollem Hals „Kleyman!“ oder „Wladimir Aronowitsch!“ zu schreien: durch den jüdischen Namen meines Vaters konnte ich eine falsche Aufmerksamkeit auf mich ziehen und von der Menge gar Prügel bekommen… Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte plötzlich mein Vater wieder auf, diese verfluchte Peitsche in der Hand haltend. In der Dunkelheit konnte ich nichts sehen, aber ich meine erkannt zu haben, dass das Gesicht meines tapferen Vaters glänzte: entweder vor Schweiß oder vor Tränen…

Mein Vater und ich. Lissitschansk, Februar 1949.

Mein Vater notierte sich alle Ortschaften, die uns unterwegs begegneten, aber seine Aufzeichnungen sind nicht erhalten geblieben. Ich erinnere mich nur dunkel an den Namen des Ortes, den wir nach dem Passieren des Flusses bei Nowo-Aidar durchquerten. Der Ort hieß Petrowka. Aber an die nächste Ortschaft, Werchne-Tjoploje, erinnere ich mich mein Leben lang.

Jedes Mal, wenn wir gerade dabei waren, einen Halt zu machen, um uns zu erholen und zu schlafen, hörten wir Schüsse von Norden. Es blieb uns nichts anderes übrig, als wieder aufzubrechen und weiter in Richtung Süden zu marschieren. Wir gingen durch die Gärten, als wir einen Kommandanten sahen, der mit einer Pistole in der Hand von einem Baum zum nächsten lief und dabei Befehle an mit Gewehren bewaffnete Rotarmisten gab. Und plötzlich – alles in diesen Tagen passierte so unerwartet – hörten wir einen Feuerstoß, der nicht einmal zwei Schritte von mir entfernt eine Staubwolke auslöste. Der Kommandant sah uns und schrie:

Jedes Mal, wenn wir gerade dabei waren, einen Halt zu machen, um uns zu erholen und zu schlafen, hörten wir Schüsse von Norden. Es blieb uns nichts anderes übrig, als wieder aufzubrechen und weiter in Richtung Süden zu marschieren. Wir gingen durch die Gärten, als wir einen Kommandanten sahen, der mit einer Pistole in der Hand von einem Baum zum nächsten lief und dabei Befehle an mit Gewehren bewaffnete Rotarmisten gab. Und plötzlich – alles in diesen Tagen passierte so unerwartet – hörten wir einen Feuerstoß, der nicht einmal zwei Schritte von mir entfernt eine Staubwolke auslöste. Der Kommandant sah uns und schrie:

„Das sind Deutsche, lauft!“ Wir rannten quer durch das Dorf. Offensichtlich hatte es kürzlich einen Luftangriff gegeben, denn von manchen Häusern stieg Rauch auf, aber Menschen waren nicht mehr zu sehen. Nur im Gemüsegarten sah ich eine fla che Grube, in der ein alter, weißbärtiger Mann mit dem Gesicht nach oben lag. Völlig gedankenverloren fragte ich ihn: „Opa, was machst du hier?“ Der alte Mann stöhnte nur. Seine Augen blieben geschlossen.

Hinter uns wütete das Gefecht, aber wir hatten kaum noch Kraft, um weiter zu laufen. Mein Vater lief hinter mir; er sah, dass ich immer langsamer wurde und rief unerwartet zu mir: „Lass deine Tasche los!“ Es blieb mir nichts anderes übrig: ich ließ meine Last fallen und konnte wieder Geschwindigkeit aufnehmen. Als ich hörte, dass auch der Sack meines Vaters auf die Erde fiel, wusste ich, dass die Lage dramatisch werden würde: wir hatten nun keine Sachen und nichts mehr zu essen.

Als wir das Dorf verließen, merkten wir, dass der Lärm leiser wurde und sich zunehmend entfernte. Klangvolle Stille kehrte ein. Wir liefen auf gut Glück los. Es gab niemanden, den wir nach einer rettenden Richtung fragen konnten. Ein Offizier mit zwei Balken auf seinen Schulterklappen holte uns ein (in seiner Abwesenheit nannten mein Vater und ich ihn später „Hinterlandmajor“). Auf die Frage, in welche Richtung wir gehen sollten, antwortete er: „Wir sind eingekesselt, wir müssen hier irgendwie rauskommen!“ Und wir schlossen uns dem Major an…

Es waren keine Truppen zu sehen. Bald löste sich der Major von uns, aber kurze Zeit später fanden wir ihn an einer Waldlichtung: er unterhielt sich lebhaft mit jemandem. Als wir näher kamen, sahen wir, dass im Wald, unter den Bäumen viele bewaffnete Soldaten saßen. Manche von ihnen zerrissen irgendwelche Zettel und vergruben sie in der Erde. Der Major redete auf sie ein. Er sagte, sie wären jung, gesund und müssten aus dem Kessel herauskommen. Niemand hörte ihm zu, und als wir näher kamen, rief jemand: „Hört auf, uns zu enttarnen! Verzieht euch!“ Zugleich hörten wir das Klacken des Sicherungshebels. Der Major drehte sich um und ging schnellen Schrittes davon, wir folgten ihm.

Ich kann nicht sagen, wie lange wir hinter dem Major her gingen: die Müdigkeit und der Hunger haben ihr Übriges getan. Ich erinnere mich nur daran, dass er sich einen gewundenen Weg ausgesucht hatte, er ging mit uns durch Wälder und Schluchten. Es war ein kupiertes Gelände am linken, flachen Ufer des Donez-Flusses. Wir versuchten, den Major einzuholen, aber unsere Kräfte ließen nach. Mal verschwand seine Schirmmütze aus dem Blickfeld, mal war sie wieder zu sehen. In der Abenddämmerung hatten wir ihn verloren und sahen ihn nicht wieder. Und am nächsten Morgen stellten wir fest, dass der Major es geschafft hatte, uns aus dem Kessel herauszuführen. Wir waren nun in der Nähe der Stadt Stanitschno-Luganskoje, dort passierten wir den Fluss Donez. Weiter marschierten wir durch ein Steppengelände, das rechte Donezufer entlang. Auf dem Gebiet der heutigen Oblast Lugansk erinnere ich mich nur an die Stadt Krasnodon, sie haben wir kurz vor ihrer Besetzung durch die Wehrmacht durchquert. Viele Jahre später war ich dort auf Dienstreise, wo mir der Chefingenieur des dortigen Elektrizitätswerks, der mein ehemaliger Student war, das Umspannwerk zeigte. Er zeigte mir auch die Mine. In diese Mine haben Nazis die Juden lebendig hinein geworfen.

Angeblich konnte eines der Opfer sich an einen deutschen Offizier festklammern und riss ihn so mit in die Mine…

In allen Städten, die wir erreichten, versuchte mein Vater Behörden zu finden, die uns mit Lebensmitteln helfen und uns eine sichere Route aufzeigen konnten. Doch überall war die Lage ähnlich wie ein Jahr zuvor in Lissitschansk: alle Machthabenden waren plötzlich verschwunden. Und als man endlich eine zuständige Person gefunden hatte, sagte man uns stets: „Fahren Sie einfach weiter zu Ihrem Bestimmungsort!“ Und das war’s!

Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, wie mein Vater uns etwas zu essen besorgte. Ich denke, meistens waren es gutherzige Menschen, die uns halfen. Mir ist nur ein Fall in Erinnerung geblieben: wir passierten die Bergbaustadt Nowoschachtinsk (das ist in der Nähe von Krasny Sulin, hundert Kilometer nordöstlich von Rostow am Don – solch große Umwege haben wir auf uns genommen!). Dort gab eine Frau mit zwei Kindern uns etwas zu essen, obwohl sie selbst kaum etwas hatten. Als sich mein Vater später an diesen Fall erinnerte, sagte er, nur ein armer Mensch könne die Entbehrungen eines Hungrigen nachempfinden und würde ihm deshalb immer sein letztes Hemd geben… Als wir später durch die Kosakengebiete marschierten, hat uns die dortige Bevölkerung viel schlechter behandelt: manchmal ließ man uns nicht einmal aus dem Brunnen trinken…

Unser weiterer Weg lag entlang einer Eisenbahnstrecke, aber es war uns nicht geglückt, auf einen Zug aufzuspringen. Wir passierten Bahnhöfe mit klangvollen sowjetischen Namen wie Sernograd, Zelina oder Gigant, wo riesige Getreidespeicher voller Brot in die Höhe ragten. Aber weder die einheimische Bevölkerung noch die Flüchtlinge konnten von diesem Reichtum profitieren: vermutlich hatten die Behörden auf eine Sonderverordnung gewartet. Wie wir später erfuhren, hatte man es am Ende nicht mehr geschafft, das Brot abzutransportieren und so musste es den Deutschen überlassen werden…

Wir aßen, was wir in die Hände bekamen. Mein Vater hatte erfahren, dass es in den Großstädten des Nordkaukasus Beauftragte des Volkskommissariats gab, die vertriebene Bergleute unterstützten. Einen Beauftragten, der für die Evakuierung der Minenarbeiter zuständig war, fanden wir letztendlich. Es stellte sich heraus, dass er unser Landsmann war. Er war unser Nachbar und ein alter Bekannter meines Vaters. Er war Buchhalter, wie wir vor den Deutschen geflohen und in den Kaukasus gekommen. Seine Familie war in Lissitschansk geblieben und überlebte, wie er später herausfand. Auf sein Anraten hin besorgte sich mein Vater ein Dokument, das uns die Übersiedlung nach Zentralasien ermöglichte. Wir erhielten Reisepapiere, Lebensmittelmarken, Geld und machten uns auf den Weg, um Zugfahrkarten nach Baku zu besorgen.

Neben Reisepapieren benötigte man für den Fahrkartenkauf eine sogenannte „Hygienebescheinigung“. Um diese zu erhalten, musste man stundenlang in einer Schlange an einem Badehaus am Bahnhof anstehen. Im Nebengebäude vom Badehaus wurden mit dem Dampf Insekten, mit denen die Kleidung durchsetzt war, vernichtet. Diese Institution wurde von den Leuten auf den Namen „Läuseschlachthof“ getauft. Die Effektivität dieser Maßnahme ließ zu wünschen übrig, aber dafür konnten wir uns nach langer Zeit wieder waschen… Nachdem wir die heiß ersehnte Bescheinigung erhalten und stundenlang in den Schlangen gestanden hatten, um erst Brot und dann Fahrscheine zu ergattern, stiegen wir endlich in den überfüllten Zug ein.

Einige Zeit später kamen wir in Krasnowodsk an. Das erste, was wir sahen, war ein riesiges, im Hafen vor Anker liegendes Schiff. Auf das Schiff gingen Militärs mit einer uns unbekannten grünen Uniform. Später erfuhren wir, dass das Angehörige der

Anders-Armee waren, die nach Persien abkommandiert wurden.[4] Darunter gab es viele Juden. Sie sahen erschöpft und abgemagert aus – viele von ihnen hatten eine Lagerhaft oder Deportation hinter sich. Später kam die Anders-Armee über Palästina nach Italien, aber einige Juden (unter anderen Menachem Begin, ehemaliger Ministerpräsident und Außenminister Israels) schafften es, in Palästina zu bleiben und für die Gründung des Staates Israel zu kämpfen.

Ich hatte insgeheim den Traum, mich irgendwie als Pole oder polnischen Juden auszugeben, um auf eines dieser Schiffe zu kommen und über Persien nach Palästina zu gelangen. Von dieser Idee habe ich niemandem, nicht einmal meinem Vater, erzählt. Man hatte eine unterbewusste Angst, dass man für freizügige Gedanken bestraft werden könnte…

Ich dachte damals nicht daran, dass ich zweiundfünfzig Jahre später auf legale Weise, in einem komfortablen Flugzeug, in Israel ankommen würde, um hier zu leben!

 


[1]Am 5. Mai 1941 trat Josef Stalin, Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU und seit dem 4. Mai 1941 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, vor den Absolventen von Militärakademien im Kreml auf. Beunruhigt durch die zahlreichen Berichte über die Massenbewegung der Wehrmachtseinheiten in Richtung der sowjetischen Grenze und die Vorbereitungen Deutschlands auf den Krieg gegen die Sowjetunion, entschloss sich Stalin, die Aufmerksamkeit des Oberkommandos der Roten Armee auf die Möglichkeit eines Krieges gegen Nazi-Deutschland zu lenken. Er beschuldigte die deutsche Führung, sie würde von der Revision der Versailler Verpflichtungen zu einer expansiven Politik übergehen. Stalin erklärte, man dürfe das Potential der Wehrmacht nicht überbewerten: „Es gibt auf der Welt keine unbesiegbaren Armeen“. Er forderte, „die Propaganda, Agitation … und Presse“ im Sinne einer „Offensive … umzustellen“ (Anm. der Redaktion).

[2]Katjuscha ist eine umgangssprachliche Bezeichnung sowjetischer Mehrfachraketenwerfer. Die Bezeichnung geht zurück auf das Herstellerzeichen „K“ auf den ersten Raketenwerfern dieses Typs, die im Komintern-Werk in Woronesh produziert wurden. Abgeleitet wurde die Bezeichnung von einem gleichnamigen, damals beliebten Lied, das von einer jungen Frau namens Katjuscha handelt. Auf deutscher Seite wurde dieser Raketenwerfer unter dem Namen Stalinorgel bekannt (Anm. des Übersetzers).

[3]Umgangssprachliche Bezeichnung für die Werktätigen der Arbeitsarmee (Anm. des Übersetzers).

[4]Die Armee des General Anders wurde aus ehemaligen polnischen Militärangehörigen, die in Folge der Besetzung ostpolnischer Gebiete durch die Rote Armee in der zweiten Septemberhälfte 1939 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren, zusammengestellt. Am 14. August 1941 unterzeichneten die Vertreter der polnischen Exilregierung und der Sowjetunion ein Abkommen über die Schaffung Polnischer Streitkräfte in der Sowjetunion. Obwohl antisemitische Einstellungen innerhalb des Führungsstabs und insbesondere bei General Anders selbst stark ausgeprägt waren, schafften es etwa 4.000 polnische Juden, der Armee beizutreten. Im Sommer 1942 wurde die Armee mit Zustimmung der Sowjetunion erst in den Iran und später nach Palästina versetzt. Zusammen mit der Anders-Armee gingen neben 4.000 jüdischen Militärs auch 2.000 ihrer Familienangehörigen nach Palästina. Etwa 2.900 Juden verließen die Armee und blieben anschließend in Palästina; etwa 1.100 kämpften in den Jahren 1943-1945 gegen die Wehrmacht an der italienischen Front (Anm. der Redaktion).